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Die Herrschenden werden aufhören zu herrschen, 
wenn die Kriechenden aufhören zu kriechen.
Friedrich Schiller

Ein sehr schönes Buch, das sich mit der Nicht-Gehorsamkeit befasst, ist das Buch von Eric F Russell mit dem Titel Planet des Ungehorsams, über das ich hier schon einmal schrieb. Dass die heutige Gehorsamkeit das eigentliche unserer Probleme ist, das hat auch schon Matt Damon uns schon so schon vorgetragen (wer es noch nicht kennt: hier mit deutschen Untertitel: Ziviler Ungehorsam).

Dass gerade die Deutschen sehr gehorsam sind, das zeigte auch schon Karl Friedrich von Weizsäcker auf, siehe dazu nochmals der Artikel Der Deutsche: absolut obrigkeitshörig, des Denkens entwöhnt, typischer Befehlsempfänger, ein Held vor dem Feind, aber ein totaler Mangel an Zivilcourage!. Das ist sicher keines der Kriterien der deutschen Kultur, auf die eines seiner Vertreter stolz sein kann. Immerhin macht es den Herrschenden viel Freude, treibt es doch die Arbeiter dazu an, Deutschland zum Exportweltmeister zu machen, und dabei aber selbst wenig abzubekommen.

Gerade Rüdiger Lenz einen Kommentar zur Huldigung unserer Kanzlerin Merkel geschrieben, in dem er das Thema Gehorsamkeit nochmals griffig beleuchtet. Viel Freude beim Draufrumkauen:

Goldene Merkel: Kanzlerin legt Wow-Auftritt hin! – Ein Kommentar von Rüdiger Lenz

Ob Regen oder Sonnenschein: Goldene Kanzlerin legt Wow-Auftritt hin! Na wenn das mal keine Sonderberichterstattung in den Mainstream-Medien wert ist. Unsere Goldkanzlerin hat Glück, denn sie hat bekommen, was sie wollte. Sie wollte und will weiterhin Deutschland dienen und damit gedenkt sie auch in den nächsten vier Jahren nicht aufzuhören. Merkel dient aus freien Stücken, sie dient freiwillig. Achja? Wirklich?

Ehe der Hahn kräht, wirst Du Dich drei Mal selbst verleugnen.

Apropos freier Wille.

Der kann manchmal ganz schön unfreiwillig sein. Nehmen wir das Experiment von Solomon Ash, einem Sozialpsychologen, der herausgefunden hat, dass die meisten Menschen sich keine freie Meinung bilden. Setzt man Menschen einem Gruppenideal oder Gruppenzwang aus, dann fügt sich der Einzelne diesem „Zwang der Gruppe“ und dies, obwohl er weiß, dass das, was er gerade mit Wahrheit beflockt oder mit Handlungen versiegelt, völliger Irrsinn ist. Der Zwang der Gruppe ist für den Einzelnen so stark, weil niemand sich ausgegrenzt fühlen will.

Nehmen wir zwei weitere Wow-Auftritte und fragen uns, wieso der Wow-Effekt der Goldkanzlerin überhaupt möglich ist. Schauen wir uns also die andere Seite der Medaille noch ein bisschen genauer an.

Heinrich Heine Sklaven

Stanley Milgrim schockte die Welt, als er feststellen musste, dass es kein Nazi-Gen gibt sondern, dass fast alle Menschen zu unbedingtem Gehorsam neigen, wenn man ihnen ihr Gewissen erleichtert. Menschen, denen man über eine Autorität vermittelt, dass das, was sie tun sollen, moralisch dadurch abgesichert ist, dass die Verantwortung für ihr Tun bei einer anderen Person liegt, sprechen sich von den Wirkungen ihres Tuns vollständig ab. Auch wenn sie dadurch anderen Menschen hohen Schaden oder die Tötung anderer Menschen vollziehen (Siehe hier einen kurzen Ausschnitt aus der Dokumentation zum Milgrim Experiment).

Kadavergehorsam nannte man das früher. Hannah Arendt nannte das „die Banalität des Bösen“ und fordert daher ein Recht auf Ungehorsam. Noch einmal: Menschenmassen können also im Gewand einer für sie hochethischen Ideologie andere Menschen zu Unmenschen erklären und ihnen höchstmöglichen Schaden zufügen, gerade weil sie ihre eigene Moral bei einer Autorität abgegeben haben, die ihnen vorgaukelt, die gesamte Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Dies ist eine Metatheorie politischen Handelns. Ein bloßer Bestandteil unseres Menschseins, auf den wir immer Acht geben sollten, denn zu schnell kann er uns entgleiten und zu sehr wollen mächtige Menschen uns zu dessen Herausgabe verleiten.

Heute ist Gehorsam derart subtil organisiert, dass Menschen im guten Glauben für eine gute Sache Freiheit und Frieden in Ketten legen und jeden sozial vernichten, der tatsächlich Frieden und Freiheit für alle will. Gehorsam ist der Boden auf dem Herrschaft wächst und gedeiht.

Kommen wir zu einem erst in jüngster Zeit erkanntem Spektakel, dass- so sein Entdecker, der Psychologe Christopher Chabris- alle Erwartungen übertroffen hat. Zu Anfang war das Experiment nur ein Hirngespinst, dann aber fesselte es ganze Psychologengenerationen, bis heute.

Zwei Gruppen werden gebildet. Beide Gruppen werfen sich in ihrer jeweiligen Gruppe Bälle zu. Die getestete Person soll sich merken, wie viele Pässe sich die eine Gruppe zuwirft. Nach ungefähr einer Minute wird der Zuschauer gefragt, wie viele Pässe er zählen konnte. Die Antwort ist fast immer richtig. Dann aber wird er gefragt, ob er denn den Gorilla, der durch das Spiel gelaufen ist, ob er ihn gesehen hat? Knapp die Hälfte der Zuschauer sieht den Gorilla, die andere Hälfte aber sieht ihn nicht. (Teste Dich selbst: Video)

Es spielt keine Rolle, wie intelligent, wie gebildet oder aufgeklärt wir im Ganzen sind. Beim ersten Experiment, also der ersten Selbstverleugnung unseres freien Willens, passen wir uns anderen an, weil wir, und dass ist jetzt wichtig, Bedeutung in der Gruppe wollen.

Selbstwichtigkeit ist die soziale Währung, mit der jeder sein Bedeutsamkeitskonto füllt. In diesem Sinn erscheint der freie Wille eher wie ein Virus, den es zu bekämpfen gilt; in einem selbst.

Die Medikation „unfreier Wille“ erzeugt Konformität der Meinungen und grenzt all diejenigen Meinungen aus, die sich um ihren freien Willen tatsächlich bemühen. Irre, nicht wahr?

So wird das Bilden eines freien Willens zur sozialen Krankheit, derer sich ein „gegen den freien Willen möglichst immun werden“ fast alle anschließen. Der freie Wille soll zu einer sozialen Krankheit stigmatisiert werden.

Dass wir unser Handeln davon abhängig machen, ob ein anderer möglichst dafür die Verantwortung trägt, ist der Grund dafür, dass Historiker oft sagen, dass sich die Geschichte wiederholt. Die Geschichte aber wiederholt sich gar nicht. Wir wiederholen unsere Handlungen nach dem Motto: und täglich grüßt das Murmeltier. Es ist der Grund dafür, dass eine schiere Übermacht an Menschen tagtäglich, bevor der Hahn kräht, ihre Selbstverantwort im Schlafzimmer liegen lassen und ohne sie das Haus verlassen. Dadurch gelingt es allen möglichen Menschen, die Macht wollen, Gruppen hinter sich zu binden, bei der jeder Einzelne in der Gruppe eine bloße Hülle seiner Selbst bleibt. Mit Intelligenz und akademischen Graden hat dies nichts zu tun. Es nützt auch nichts, sich möglichst intelligent und klug zu machen, damit man nicht in eine dieser Sozialfallen hineintappst und Zeit seines Lebens darin stecken bleibt. Einzig die Selbstermächtigung für das eigene Leben ist hier das Gegengift zu den zahlreichen Sozialfallen.

Kommen wir zur dritten Selbstverleugnung.
Sobald wir eine Tätigkeit in unserem Aufmerksamkeitfokus bannen, nehmen wir nicht mehr wahr, was überhaupt gerade geschieht. Kommt Konformität und Gehorsamsglaube noch hinzu, so entwickelt sich ein der Realität gegenüber orientiertes „ist mir doch egal-Gefühl“, auf das sich die eigene Weltsicht dann auf Dauer prägt. Da nützt es dem Mahner dann auch nichts, dass er mit Wahrheiten und Fakten nur so zu glänzen glaubt.

Drauf geschissen! Scheiß Aufklärung!

Dann ist es ums Verrecken wichtiger, das die Kanzlerin einen goldenen Wow-Auftritt hinlegt, denn die Menschen, die sich tagtäglich und immer wieder aufs neue drei Mal selbst verleugnen, halten die Selbstverleugnung für den freien Willen. Es nützt nichts, ihnen das alles hier beschriebene brühwarm zu erklären. Sie könnten ein Wochened-Seminar mit derlei Erkenntnissen und Selbstreflexionen buchen. Es würde ihnen den freien Willen nicht zurück bringen, da diese große Selbstverleugnung Teil unserer gesamten Kultur geworden ist. Sie ist ein riesenhafter Spiegel, der uns eine Welt zu erkennen ermöglicht, die uns repräsentiert und in der wir uns selbst hineinprojizieren. Das ist auch der Grund dafür, warum nur ein recht überschaubarer Anteil von uns sich von Lösungen beeindrucken lässt und Lösungen will.

Konformität, also tun, was alle tun

  • Gehorsam, also nie selbst entscheiden sondern Andere wissen es besser und
  • gar nicht erst sich bemühen, um tatsächlich präsent zu sein

dies sind die Ketten um Hals, Füße und Hände, die wir uns selbst schmieden, um im belanglosen Goldkleid der Kanzlerin den Sinn erkennen, um den wir uns selbst gebracht haben: Bedeutsamkeit für das eigene Leben.

In einer Welt der Dreifachselbstverleugner gilt der psychologische Grundsatz: Je intensiver die Lösung zur Selbstermächtigung vor uns liegt, desto heftiger die Gegenreaktion gegen die Selbstermächtigung und um so fester wird an der Selbstverleugnung festgehalten.

Das alles ist also in seiner ganzen Undurchschaubarkeit eine „self-fulfilling prophecy“, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die wir Kraft unseres daran Festhaltens immer und immer wieder selbst erschaffen:

So wie du über dich denkst, beeinflusst du deine Handlungen gegenüber anderen. Was das Denken der Anderen über dich ebenfalls beeinflusst. Das verursacht die Handlungen Anderer gegenüber dich, was wiederum dein Handeln, Denken und Fühlen in deinem Weltbild festzurrt.

Selbstermächtigung ist das kraftvollste und energiereichste Tun, dass Mutter Natur jedem zum Geschenk gemacht hat. Wir können das erkennen und lernen unsere Dreifachverleugnung zu überwinden, die uns alle am Vorwärtsgehen hindert.

Ehe der Hahn also drei Mal zu krähen beginnt,
sollten wir uns eine Firewall in unser Hirn einbauen:
Selbstermächtigung.
Leg also los und erschaffe selbst den Wow-Effekt für dein Leben.
Es wird Zeit, genau das zu tun:
Gebt der Kanzlerin, was der Kanzlerin ist.

https://faszinationmensch.files.wordpress.com/2017/07/merkel-wow.jpg?w=529

Unbedingter Gehorsam setzt Unwissenheit voraus!
Charles-Louis de Montesquieu (Werk: Vom Wesen der Gesetze)
Leider ist es eine typisch deutsche Eigenschaft, den Gehorsam schlechthin für eine Tugend zu halten. Wir brauchen die Zivilcourage, „Nein“ zu sagen.
Fritz Bauer
Unbedingter Gehorsam ist kein Gedanke unter vernünftigen Wesen. Wo mich jemand nach seiner Willkür brauchen kann, bin ich ihm keinen Gehorsam schuldig, das geht aus der moralischen Natur des Menschen hervor.
Johann Gottfried Seume, (1763 – 1810), deutscher Schriftsteller, unternahm 1801/02 seine berühmte Fußreise nach Sizilien (»Spaziergang nach Syrakus …)