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Die Welt als Wille und Vorstellung

Eva Herman

Die meisten Menschen heute verstehen die Welt nicht mehr: Krieg, Aufrüstung, Leid, Terror beherrschen den Planeten. Auch im persönlichen Umfeld steht oft kein Stein mehr auf dem anderen, Streit, Erfolglosigkeit in Beruf und Familie, Verelendungssorgen beherrschen zunehmend den Alltag. Immer öfter werden mögliche Ursachen diskutiert, doch immer verstrickter und verworrener erscheint die Lage. Wer weiß einen Ausweg?

Zum Nachdenken regen alte Dichter und Denker an, die sich ehemals noch mit dem Geist und Willen des Menschen beschäftigten, mit Courage und Persönlichkeit, mit Empfindung und Verantwortung. Heute geschieht dies nur noch selten, der blässlich verbliebene Bodensatzrest der sogenannten Intellektuellen gibt selten nur noch etwas Brauchbares her.

Heute möchte ich einen Ausschnitt aus Arthur Schopenhauers Werk Die Welt als Wille und Vorstellung abdrucken. Gewiss, hier finden sich keine finalen Lösungsvorschläge für all die heutigen Verwerfungen unserer modernen, »zivilisierten« Zeit. Und doch weisen Schopenhauers Gedanken einen Weg, der sich aus meiner Sicht lohnt, begangen zu werden. Er führt direkt in das Innere, zeigt auf unser Herz und klopft an die Türe des Verstehens. Schopenhauer mahnt uns, endlich wieder selbst Verantwortung zu übernehmen für das eigene Schicksal, da andere, die dies bislang übernommen, sich als wahrlich schlechte Verwalter unseres Schicksals erwiesen.

Wie kaum ein anderer Philosoph war Schopenhauer übrigens auch in Gelddingen bewandert. Als gelernter Kaufmann bereiste er die Welt, im Alter von 21 Jahren erbte er schließlich ein beträchtliches Vermögen, das ihm zeitlebens Unabhängigkeit verlieh. Dieses Erbe, so heißt es, habe er klug verwaltet und bewahrt.

Schopenhauers Einstellung gegenüber Geld und Vermögen widerspricht eklatant dem heutigen Zeitgeist der unersättlichen Gier. Seine Empfehlungen dürften heute mehr Wert enthalten als die der meisten Banker oder Unternehmensberatungsgesellschaften. Auch hier sind es Tugenden wie Verantwortung und Nächstenliebe, die der große Denker als wichtigste Grundpfeiler für ein gelungenes Leben in Glück und Wohlstand als notwendig erachtet.

Die Welt als Wille und Vorstellung

Selbst vom Menschengeschlecht, so mächtige Werkzeuge es an Verstand und Vernunft auch hat, leben neun Zehntel in beständigem Kampfe mit dem Mangel, stets am Rand des Untergangs, sich mit Noth und Anstrengung über demselben balancirend. Also durchweg, wie zum Bestande des Ganzen, so auch zu dem jedes Einzelwesens sind die Bedingungen knapp und kärglich gegeben, aber nichts darüber: daher geht das individuelle Leben in unaufhörlichem Kampfe um die Existenz selbst hin; während bei jedem Schritt ihm Untergang droht. Eben weil diese Drohung so oft vollzogen wird, mußte, durch den unglaublich großen Ueberschuß der Keime, dafür gesorgt seyn, daß der Untergang der Individuen nicht den der Geschlechter herbeiführe, als an welchen allein der Natur ernstlich gelegen ist. – Die Welt ist folglich so schlecht, wie sie möglicherweise seyn kann, wenn sie überhaupt noch seyn soll.

Der Optimismus ist im Grunde das unberechtigte Selbstlob des eigentlichen Urhebers der Welt, des Willens zum Leben, der sich wohlgefällig in seinem Werke spiegelt: und demgemäß ist er nicht nur eine falsche, sondern auch eine verderbliche Lehre. Denn er stellt uns das Leben als einen wünschenswerthen Zustand, und als Zweck desselben das Glück des Menschen dar. Davon ausgehend glaubt dann Jeder den gerechtesten Anspruch auf Glück und Genuß zu haben: werden nun diese, wie es zu geschehn pflegt, ihm nicht zu Theil; so glaubt er, ihm geschehe Unrecht, ja, er verfehle den Zweck seines Daseyns; – während es viel richtiger ist, Arbeit, Entbehrung, Noth und Leiden, gekrönt durch den Tod, als Zweck unsers Lebens zu betrachten (wie dies Brahmanismus und Buddhaismus, und auch das ächte Christenthum thun); weil diese es sind, die zur Verneinung des Willens zum Leben leiten.

Im Neuen Testamente ist die Welt dargestellt als ein Jammerthal, das Leben als ein Läuterungsproceß, und ein Marterinstrument ist das Symbol des Christenthums. Daher beruhte, als Leibnitz, Shaftesbury, Bolingbroke und Pope mit dem Optimismus hervortraten, der Anstoß, den man allgemein daran nahm, hauptsächlich darauf, daß der Optimismus mit dem Christenthum unvereinbar sei; wie dies Voltaire, in der Vorrede zu seinem vortrefflichen Gedichte Le désastre de Lisbonne, welches ebenfalls ausdrücklich gegen den Optimismus gerichtet ist, berichtet und erläutert.

Was diesen großen Mann, den ich, den Schmähungen feiler Deutscher Tintenklexer gegenüber, so gern lobe, entschieden höher als Rousseau stellt, indem es die größere Tiefe seines Denkens bezeugt, sind drei Einsichten, zu denen er gelangt war:

die von der überwiegenden Größe des Uebels und vom Jammer des Daseyns, davon er tief durchdrungen ist;

  1. die von der strengen Necessitation der Willensakte;
  2. die von der Wahrheit des Locke’schen Satzes, daß möglicherweise das Denkende auch materiell seyn könne.

Während Rousseau alles Dieses durch Deklamationen bestreitet, in seiner Profession de foi du vicaire Savoyard, einer flachen, protestantischen Pastorenphilosophie; wie er denn auch, in eben diesem Geiste, gegen das soeben erwähnte, schöne Gedicht Voltaire’s mit einem schiefen, seichten und logisch falschen Räsonnement, zu Gunsten des Optimismus, polemisirt, in seinem, bloß diesem Zweck gewidmeten, langen Briefe an Voltaire, vom 18. August 1756.

Ja, der Grundzug und das prôton pseudos der ganzen Philosophie Rousseau’s ist Dieses, daß er an die Stelle der christlichen Lehre von der Erbsünde und der ursprünglichen Verderbtheit des Menschengeschlechts, eine ursprüngliche Güte und unbegränzte Perfektibilität desselben setzt, welche bloß durch die Civilisation und deren Folgen auf Abwege gerathen wäre, und nun darauf seinen Optimismus und Humanismus gründet.

Quelle